Für junge Muslime: die Freitagsworte als neue Gesprächskultur

Veröffentlicht am Di., 27. Feb. 2018 16:46 Uhr
WAS BEWEGT BERLIN?

Freitagsworte, so heißt die Plattform der Alhambra-Gesellschaft für junge Muslime. Sie veröffentlicht Gedanken zum Freitag und will eine neue Gesprächskultur in der muslimischen Community und mit der Mehrheitsgesellschaft etablieren:  

Herr Süer, Sie nennen es „Freitagsworte“. Was genau wollen die Worte zum Freitag?

Unsere Freitagsworte sind Denkanstöße, wie wir sie uns in Deutschland als Freitagspredigten wünschen. Wir versetzen uns in die Rolle eines Predigers einer Freitagspredigt und fragen uns, wie wir unseren muslimischen Glauben in unsere deutsche Lebenswirklichkeit umsetzen.  

Verstehen sich die Freitagsworte als Alternative zum Moscheebesuch?

Nein, wir sind keine Alternative, sondern wir wollen Anregungen geben, welche Gedanken junge Muslime in Deutschland bewegen.

Das Echo, das die Freitagsworte auslösten, ist sehr positiv. Warum?

Gerade jüngere Musliminnen und Muslime, die ihre Heimat in Deutschland verorten, möchten Wege finden, ihre Religion auch in deutscher Sprache auszudrücken. Während in den Moscheen die Freitagspredigten auf Türkisch oder Arabisch gehalten und dann ins Deutsche übersetzt werden, füllen wir eine Lücke: Wir wollen nicht nur übersetzen, sondern die Schönheit des Islams mit den Mitteln der deutschen Sprache zum Ausdruck bringen. So entsteht gewissermaßen eine neue religiöse Sprache für das, was uns als junge Muslime in Deutschland bewegt.

Sind junge Muslime in der öffentlichen Wahrnehmung im Blick?

Die öffentliche Wahrnehmung von Muslimen in Deutschland beschränkt sich oft auf bestimmte Schablonen wie beispielsweise „die Kopftuchträgerin“, „der Traditionalist“ oder „die Integrierten“. Das entspricht aber nicht der Wirklichkeit. Deshalb wollen wir die muslimische Vielfalt sowohl nach innen als auch nach außen darstellen.

Haben die muslimischen Verbände nicht alle im Blick?

Die muslimischen Verbände sind wichtig für uns. Aber sie bilden nicht alles ab. Dazu kommt: Manche Themen sind in der Community auch tabuisiert oder finden nicht die nötige Aufmerksamkeit, wie z.B. der Rassismus in den eigenen Reihen. Hier füllen wir als Alhambra-Gesellschaft eine Lücke und schaffen durch die Freitagsworte, aber auch durch den muslimischen Debattierclub eine Plattform für eine innermuslimische Debattenkultur. Dabei geht es immer um die Vielfalt der Meinungen. Gleichzeitig wollen wir eine Gesprächskultur etablieren, um mit anderen zivilgesellschaftlichen und religiösen Gemeinschaften ins Gespräch zu kommen.

Was motiviert Sie, diese Lücke zu füllen?

Viele junge Muslime wollen als vollwertige Mitglieder in der deutschen Gesellschaft wahrgenommen werden. Sie sagen: „Hier lebe ich, hier übernehme ich Verantwortung und übe auch Kritik, weil ich in Deutschland zu Hause bin.“ Diese Wahrnehmung wünschen wir uns auch von der gesellschaftlichen Öffentlichkeit.  

* Dr. Aydın Süer ist Sozialwissenschaftler und lehrt Islamische Theologie an der Pädagogischen Hochschule Weingarten. Er gehört dem Vorstand der Alhambra-Gesellschaft an.

 

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